Wie kann in der Schule Disziplin und Regelkonformität von Schülern eingefordert werden?
von Yusuf Keskingöz
1. Problemstellung
Fragt man nach der Ursache dafür, dass sich Schüler nicht an die festgelegten Schul- und Unterrichtsregeln halten, so ergeben sich zunächst zwei mögliche Tatsachen, die es näher zu untersuchen gilt. Die erste mögliche Tatsache lautet, dass die Schüler die Regeln nicht kennen. Kennen die Schüler die Regeln nicht, können sie logischerweise auch nicht eingehalten werden. Ist das jedoch nicht der Fall und die Schüler sind sich bewusst über die eingeforderten Regeln, so muss man von der Tatsache ausgehen, dass die Schüler die Regeln kennen, diese aber nicht einhalten.
An unserer Schule, sowie an vielen anderen Schulen, besteht die Annahme, dass die erste Tatsache vorliegen würde. Aus diesem Grund wird die meiste Arbeit darin gelegt, Regeln einzuführen, umzuschreiben, zu wiederholen oder für die visuelle Sichtbarkeit dieser Regeln zu sorgen. Stattdessen sind sich die Schüler über die Regeln bewusst und halten sie aber dennoch nicht ein, was an dieser Stelle untersucht werden muss.
2. Hypothese
Meine Hypothese lautet an dieser Stelle wie folgt: Die Schüler halten sich nicht an die Regeln, obwohl sie in der Schulordnung bzw. innerhalb des Klassenzimmers bekannt sind. Das Classroom Management scheitert insofern, als die Schüler nicht kooperieren und die Regeln nicht ernst nehmen. Die Ursache für dieses Verhalten ist motivationaler Art. Die Schüler sehen keinen Anreiz darin, um ein richtiges Verhalten herbeizuführen.
Im nächsten Schritt möchte ich anhand von fünf Thesen darstellen, weshalb die Regeln seitens der Schüler nicht eingehalten werden und was sich stattdessen ändern muss.
3. Argumentationsverlauf
3.1. „Je mehr Regeln nötig sind, umso weniger Disziplin und Konformität herrscht bereits in einer Schulgemeinschaft“
Lehrer formulieren zusammen mit ihren Klassen eigene Regeln, obwohl diese Klassenübergreifend für alle gelten sollten. Die Tatsache, dass neue Regeln im Klassenrat beschlossen werden, vermittelt den Schülern das Gefühl einer Regelinflation. Je mehr Regeln festgelegt werden, umso weniger Wert haben die einzelnen Regeln. Aus diesem Grund sollte sich innerhalb der Schulgemeinschaft ein Regelminimalismus einstellen. Allgemeine Regeln statt konkreter Spezialfälle sollten ausreichen.
3.2. „Schüler halten sich nur an Regeln, wenn sie es wollen oder an die Einhaltung bestimmter Regeln gewöhnt sind.“
Damit sich ein Schüler an Regeln hält, braucht es daher angefangen in der 5. Klasse Regeln, an die die Schüler gewöhnt werden. Dabei gilt es den Minimalismus von oben zu beachten und wenige allgemein gehaltene Regeln zu formulieren. Damit die Regeln eingehalten werden, bedarf es positiver und negativer Verstärker.
Dabei ist zu beachten, dass die positiven Verstärker das eigentliche Ziel der schulischen Bildung unterminieren. Wenn man die Schüler mit weniger Arbeit bzw. weniger Unterrichtszeit belohnt, führt das dazu, dass die Schüler den eigentlichen Wert der Bildung nicht mehr als Verstärker erleben können. Eine andere Möglichkeit wäre es in diesem Kontext einen Ausschluss von Lerninhalten oder eine Minimierung der Lernzeit als negativen Verstärker einzusetzen. Man könnte den Unterricht zudem je nach Verhalten der Schüler individuell öffnen. Eine gute Arbeitshaltung und ein gutes soziales Verhalten könnte so zu mehr Freiheiten führen, indem man den Schülern z.B. selbstgesteuerte oder Neigungsdifferenzierte Lerninhalte zuweist.
3.3. „Schüler halten sich nur an Regeln, an die sich ihre Freunde auch halten“
Um dieser These gerecht zu werden, muss man darauf achten, dass das Einhalten von Regeln mit Anerkennung und Lob einhergeht. Einzelne Schüler, die sich an die Regeln, sollten daher vor der ganzen Klasse für ihr Verhalten gelobt werden. Auch eine Privilegierung dieser Schüler ist möglich, indem man sie als Multiplikatoren oder Tutoren für die Klasse gewinnt.
In diesem Zusammenhang muss man auf die Bedeutung von Vorbildern verweisen. Die Wissenschaftler Rudert und Janke (2021) haben bewiesen, dass positive Vorbilder maßgeblich an der Einhaltung von Regeln beteiligt sind (vgl. S. 1832). Die Soziale Norm spielt in diesem Sinne eine größere Rolle als rationale Argumente oder grundlegende psychologische Verstärker. In diesem Zusammenhang sind die Lehrer Vorbilder, ebenso aber auch Klassensprecher oder Schüler aus höheren Stufen. Die Einführung von Tutoren können die Schüler dazu motivieren selbstgesteuert zu arbeiten, Hilfsbereitschaft zu entwickeln und Schüler für ihre Leistungen anzuerkennen.
3.4. „Regeln sind am stärksten, wenn sie mit der Identität der Schüler in Verbindung stehen“
Damit die Regeln von der Schulgemeinschaft als ganzes getragen werden können, ist eine Identifikation mit diesen Regeln unabdingbar. Damit sich die Schüler mit den Regeln identifizieren können, braucht es in erster Linie eine Identifikation mit der Schule und der Schulgemeinschaft. Hierfür braucht es stufenübergreifende Projekte, in denen der Schulethos stellvertretend für die Regeln im Unterricht und an der Schule sichtbar werden. Zudem könnte man durch eine Art „Hall of Fame“ eine positive Erinnerungskultur in der Schule festigen, die späteren Generationen Vorbilder und somit auch eine Identität bieten können.
3.5. „Die externe Kultur prägt das Verhalten im Schulmilieu stark vor.“
Wirft man den Blick auf andere Kulturen, so erkennt man, dass die Arbeitshaltung und Disziplin der Schüler stark von der jeweiligen Kultur des Landes geprägt sind. Dabei geht es um die Einstellung gegenüber Bildung und der Schule als Institution. Dass man diese Kultur nicht induktiv aus der Schule heraus verändern kann, leuchtet ein. Man kann jedoch dieses Bewusstsein um die Bedeutung der Kultur nutzen, um zumindest auf der Ebene der Schulkultur anzusetzen und diese dahingehend zu verändern, dass die Einhaltung der Regeln gewährleistet wird.
Wie bereits erwähnt, spielt die Identität hierbei eine zentrale Rolle. Die Schüler müssen sich mit der Schule und ihrer Schulkultur identifizieren, damit diese Kultur wirksam sein kann. Um diese Identifikation herbeizuführen, muss diese Kultur innerhalb der Schule sichtbar werden. So kann man den Schulethos sichtbar in der Schule aufhängen, man könnte ebenso zentrale Werte dieses Schulethos auf der Schulkleidung anbringen. Sichtbarkeit heißt vor allem aber, dass diese Werte aktiv in der Schulgemeinschaft gelebt werden, durch Schulaktionen, Feste und andere Aktivitäten. Damit das Schulethos in eine Mikrokultur überführt werden kann, braucht es auch die Unterstützung aller beteiligten, insbesondere der Eltern.
4. Schulethos
4.1. Respektvolles Auftreten
Die Schüler begegnen allen anderen Schülern und Lehrkräften mit Respekt. Verbale und körperliche Gewalt gegenüber anderen und Unfreundlichkeit werden nicht geduldet.
4.2. Disziplin
Die Schüler verhalten sich im Unterricht ruhig und dürfen den Unterricht nicht stören. Die Schüler arbeiten mit und folgen den Anweisungen der Lehrkräfte. Die Schüler haben stets ihre Arbeitsmaterialien dabei und bemühen sich ihre Hausaufgaben pünktlich vorzulegen.
4.3. Hilfsbereitschaft
Die Schüler verstehen sich als eine große Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt. Niemand wird ausgegrenzt, jeder hilft mit.
4.4. Mut
Die Schüler stellen sich allen Herausforderungen mit Mut. Lernen heißt auch Fehler machen und sich an schwierige Aufgaben rantrauen.
4.5. Neugier
Die Schüler sind neugierig, forschen und stellen Fragen. Gemeinsam mit den Lehrern entdecken sie die Welt mit einem Blick durch die Fenster der Fächer.
5. Maßnahmenplan
- Finalisierung und Visualisierung des Schulethos durch die Schulleitung.
- Klassenlehrer regeln die Arbeitsfreiheit der Schüler durch eine Liste à Schüler, die auf der Liste stehen, dürfen frei arbeiten.
- Schaffung von Tutoren im Unterricht à leistungsstarke Schüler helfen anderen Schülern. Tutorien finden in den ersten 15 Minuten statt.
- Der Kunstunterricht gestaltet eine „Hall of Fame“. An dieser Wand können Kunst, Preise und Absolventen der Schule ausgestellt werden.
- Die SMV arbeitet an Spirit Days, Konzerten und anderen jährlichen Schulaktionen, sowie an einem neuen Motiv für die Schulkleidung.
- Die Klassenlehrer führen mit allen Eltern pro Halbjahr ein Gespräch zu Verhalten und Leistung der Schüler.
Quellen
Lopes, J., & Oliveira, C. (2017). Classroom discipline: Theory and practice. In J. P. Bakken (Ed.), Classrooms: Academic content and behavior strategy instruction for students with and without disabilities (Vol. 2, pp. 231-253). New York: Nova Science Publishers.
Rudert, Selma, & Janke, Stefan (2021). „Following the crowd in times of crisis: Descriptive norms predict physical distancing, stockpiling, and prosocial behavior during the COVID-19 pandemic“. Group Processes & Intergroup Relations 2022, Vol. 25(7) 1819–1835. Sage publishing.



