Minimalistische Transformationen
von Yusuf Keskingöz
Als minimalistische Transformation bezeichne ich eine Schul- und Unterrichtsentwicklung, die den Blick auf das Wesentliche lenkt und einen minimalen Ressourcenaufwand von Lehrkräften und Schulleitungen fordert. Als wesentlich bezeichne ich hierbei die Unterrichtsqualität, wie sie von Trautwein et al. (2022) unter dem Begriff Tiefenstrukturen definiert wird. Ein wirksamer Unterricht lässt sich anhand der drei Basisdimensionen Klassenführung, Konstruktive Unterstützung und Kognitive Aktivierung festmachen (Trautwein et al., 2022). Ein Unterricht ist multikriterial zu verstehen, d.h., dass er an vielen unterschiedlichen Zielen ausgerichtet ist. Zu diesen Zielen gehören:
- Fachliche Kompetenzen
- Fachübergreifende Kompetenzen (z. B. Lern- und Problemlösekompetenzen)
- Motivation (z. B. Interessen)
- Emotionen (z. B. Freude an einem Fach)
- Einstellungen (z. B. Leistungsbereitschaft)
- Ziele im Sinne eines erweiterten Bildungsbegriffes (z. B. Eigenverantwortlichkeit, Demokratiefähigkeit, Mündigkeit etc.) (Trautwein et al., 2022, S. 7)
Nach dem Angebot-Nutzungs-Modell von Helmke (2012) wird Unterricht als Angebot verstanden, das von den Schülerinnen und Schülern individuell genutzt wird. Die individuellen Lernvoraussetzungen sind dabei, wie Helmke (2012) und auch Trautwein et al. (2022) zeigen, nicht von der Lehrkraft beeinflussbar. Damit Unterricht wirksam sein kann, muss eine Passung zwischen dem Angebot und der Disposition der Schülerinnen und Schüler stattfinden. In diesem Sinne ist eine Individualisierung innerhalb der Unterrichtsqualität bereits mitgedacht. Ein adaptiver Unterricht ist dann wirksam, wenn er diese Lernvoraussetzungen berücksichtigen kann.
Ein wirksamer Unterricht, sollte jedoch im besten Fall nicht nur wirksam, sondern auch zielführend sein. Ein Unterricht mag in der Hinsicht wirksam sein, dass Schülerinnen und Schüler vorgegebene Kompetenzen in einem bestimmten Zeitraum erlangen. Da ein Unterricht aber vor dem Hintergrund einer Multikriterialität noch zusätzliche Ziele bedienen muss, sollte eine Wirksamkeit weiter gefasst werden. Zu diesen Zielen zählen sowohl die im Leitfaden Demokratiebildung definierte Förderung demokratischer Kompetenzen als auch die Entwicklung sozialer und emotionaler Fähigkeiten (Kultusministerium Baden-Württemberg, 2019).
Werden zusätzlich die globalen Ziele einer zukunftsorientierten Bildung berücksichtigt, wie sie von der OECD (2020) und dem WEF (2023) definiert werden, so erhöht sich die Komplexität eines adaptiven Unterrichts noch einmal deutlich. Es scheint sich ein zunehmend umfangreicher Kriterienkatalog herauszubilden, der im Unterricht von einer einzelnen Lehrkraft kaum vollständig erfüllbar ist.
Der Ansatz der minimalistischen Transformation setzt genau an diesem Punkt an: Er zielt darauf ab, die Konvergenz der verschiedenen Kriterien als Synergieeffekte sichtbar zu machen, die durch kleine Veränderungen im Schulalltag aktiviert werden können. Mit anderen Worten geht es neben der Effektivität auch um Effizienz. Im Sinne des Total Quality Management (TQM) kann Effizienz im schulischen Kontext wie folgt verstanden werden:
Im schulischen Kontext bestimmt Effizienz das Verhältnis des Outputs der Schule zu ihrem Leitbild, ihren Ressourcen (Input) und ihrem Lehrplan bzw. der Unterrichtsgestaltung (Prozesse). Je besser die gesetzten Ziele mit den verfügbaren Mitteln erreicht worden sind, desto höher ist die Effizienz der Schule. (Huber et al., 2014, S. 25)
Eine minimalistische Transformation soll sich an den folgenden Maximen orientieren:
- Ein wirksamer Unterricht orientiert sich stets an den Tiefenstrukturen des Unterrichts und sollte kognitiv aktivierend, konstruktiv unterstützend sowie durch eine effektive Klassenführung gekennzeichnet sein.
- Ein wirksamer Unterricht ist immer adaptiv: Er basiert auf der Diagnose individueller Lernvoraussetzungen, leitet daraus passende Maßnahmen ab und evaluiert diese systematisch hinsichtlich ihrer Wirksamkeit.
- Ein wirksamer Unterricht ist nur dann zielführend, wenn er Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, sich aktiv, kritisch und verantwortungsvoll in einer sich wandelnden Gesellschaft zu orientieren und diese mitzugestalten.
- Da Unterricht stets unter den gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen gestaltet werden muss, sind Transformationen erforderlich, die ressourcenschonend und pragmatisch umsetzbar sind – ohne dabei an Wirksamkeit einzubüßen.
Quellen
Helmke, A. (2012). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts (4. überarbeitete Aufl.). Klett-Kallmeyer.
Huber, S. G., Hader-Popp, S., & Schneider, N. (2014). Qualität und Entwicklung von Schule: Basiswissen Schulmanagement. Beltz. 9-30.
Ministerium für Kultus Jugend und Sport (Kultusministerium) Baden-Württemberg (2019). Leitfaden Demokratiebildung. Kultusministerium Baden-Württemberg.
OECD (2020). Lernkompass 2030: Rahmenkonzept für die Zukunft der Bildung. OECD Publishing, Paris.
Trautwein, U., Sliwka, A. & Dehmel, A. (2022). Grundlagen für einen wirksamen Unterricht. Reihe Wirksamer Unterricht, Band 1 (2. aktualisierte Ausgabe). Stuttgart: Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg.
World Economic Forum. (2023). Defining Education 4.0: A taxonomy for the future of learning.



